Die Vögel am Nestweiher bereiten sich auf den Winter vor, das Laub ist von den umstehenden Bäumen gefallen. Alles wie immer um diese Jahreszeit – nicht ganz. Seit Anfang November stehen Visiere an der Altmannstrasse 17, direkt hinter dem Weiher. Die Wohn- und Baugenossenschaft Nestweiher plant einen Ersatz- neubau für das von der Zeit gezeichnete, in die Strasse hineinragende Gebäude mit langer Geschichte.
Text und Fotos: Doro Anderegg
Erfasst wird das Haus an der heutigen Altmannstrasse schon auf dem Stadtplan von 1830; vermutlich überhaupt erstmals sichtbar ist es auf einer
gemalten Ansicht von 1822. Noch gab es die Altmannstrasse nicht – das Haus trug die Adresse Teufener Strasse 129a und sah anders aus, wie der Stich von Johann Jacob Rietmann von 1867 zeigt.
Die Baueingabe von 1892 zeigt, dass das ursprüngliche Haus umgebaut wurde und seine heutige Form erhielt. Weil die Altmannstrasse erst zwischen 1907 und 1912 gebaut wurde, ragt eine Ecke des alten Hauses bis heute in die Fahrbahn hinein.
Über die Bewohnerschaft ist wenig bekannt. Möglich ist, dass in frühen Jahren der Weiherwart dort gewohnt hatte.
Die Genossenschaft und ihr ungewöhnliches Haus
Grundstück und Haus Nr. 17 gehören seit Jahrzehnten der Wohn- und Baugenossenschaft Nestweiher. Es war wohl bereits kurz nach der Gründung der Genossenschaft 1947 und dem Bau der Siedlung bis 1949 geplant, auch dort Gebäude zu errichten, jedoch ist dies nicht geschehen; weshalb, bleibt unklar. Die Aktuarin der Genossenschaft, Maria Maksimow, berichtet, wie dann aber vor zehn Jahren abgeklärt wurde, was eine Sanierung des Hauses kosten würde. Schnell war klar: Eine Totalsanierung kommt nicht in Frage, weil dies fast so teuer wie ein Ersatzneubau würde – und zusätzliche Schwierigkeiten zeigten sich: das Haus hat quasi kein Fundament. Es steht auf Bruchsteinmauern frei im Boden. Zusätzliches Gewicht wie beispielsweise eine Dachisolation würde das Haus nicht tragen. So entschied man, den Minimalunterhalt aufrechtzuerhalten, so lange es geht.
Nach einem heftigen Sommergewitter 2021 meldete der Dachdecker ernsthafte Risiken – die Genossenschaft musste handeln. 2022 gab die Generalversammlung Zustimmung für ein Vorprojekt, 2023 dann für die Projektierung. Ende Mai 2025 erfolgte an der Generalversammlung die Projektpräsentation und die Freigabe für einen Ersatzneubau, der nun in Angriff genommen wird.
Die letzten drei Mietparteien sind schon vor drei Jahren ausgezogen. Das Haus ist geräumt und es riecht modrig; auch zeigt sich eindringende Feuchtigkeit an Wänden im Erdgeschoss und unterm Dach. Momentan sei ein Dachs im Keller der einzige Bewohner, wie vermutet wird …
Aus drei mach sieben: Neuer Wohnraum
für Familien
Das nun bekannte Neubauprojekt sieht sieben Wohnungen vor, explizit für Familien; daher in der Grösse von 4,5- und 5,5-Zimmer. Es wird ein Holzbau mit einem länglichen, verwinkelten Grundriss. Die Genossenschaft setzt das Projekt mit K&L Architekten um, die ihre Büros im Scheffelstein an der Oberen Berneggstrasse haben.
«Wir fühlen uns verantwortlich, bezahlbare Fami-lienwohnungen anzubieten – nicht nur, weil es so in den Statuten verankert ist, sondern insbesondere auch mit Blick auf die Situation im Wohnungsmarkt», begründet Maria Maksimow den Entscheid der Genossenschaft für den so gestalteten Neubau. Es sei wichtig, die mögliche Fläche gut auszunutzen und trotzdem den bestehenden Genossenschaftswohnungen die Sicht nicht komplett zu verbauen. Man wolle ein stimmiges Ganzes erreichen.
Nun ist die Baueingabe gemacht, die Visiere stehen seit Anfang November und die Genossenschaft wartet auf die Baubewilligung.
Die Genossenschaft sucht mit den umliegenden Eigentümern das Gespräch, um allfällige Widerstände oder Fragen frühzeitig aufzunehmen. Im Namen des gesamten Vorstands zeigt sich die Aktuarin jedoch überzeugt: «Unser Projekt wertet das gesamte Quartier auf. Auch wird die Sicherheit erhöht, da die herausragende Hausecke wegfällt. Aktuell sieht man jetzt beispielsweise nicht, wenn dahinter vor den Garagen Kinder spielen – und diese sehen nahende Autos erst sehr spät.»
Wenn alles nach Plan läuft, könnte der Baustart im nächsten Sommer erfolgen. Dann erst wird das alte Haus abgerissen – seine Tage sind aber definitiv gezählt und auch der Dachs wird sich spätestens dann ein neues Daheim suchen müssen.
Herzlichen Dank an Fredi Hächler für die Unterstützung bei der historischen Recherche!
