Die Sternwarte der Kantonsschule am Burggraben, am Weg zwischen Falkenwald und Unterem Brand, ist abends meist verschlossen und wirkt geheimnisvoll. Das Riethüsli-Magazin durfte an einem klaren Sommerabend einen Blick hinein und in den Himmel hinauf werfen. Auch in unserem Quartier gibt es begeisterte Astronomen, einer davon ist Daniil Nozdriukhin.
Text: Doro Anderegg, Fotos: Doro Anderegg, Danill Nozdriukhin
Er ist noch neu im Astronomischen Verein und trifft sich zum ersten Mal mit dem Präsidenten Ralph Goebel vor Ort in der Sternwarte. Der Start zu unserem visuellen Ausflug ins Weltall beginnt mit profanen Herausforderungen: Die Steuerung lässt sich nicht mit dem Sternhimmel synchronisieren und führt das Teleskop deshalb nicht zu den gewünschten Himmelskörpern. So ist kein Blick durchs Okular möglich. Ralph Goebel muss das gesamte System noch einmal starten, etwas Geduld ist gefragt – aber dieser Trick hilft. Der 59-Jährige ist seit gut einem Jahr Präsident der Astronomischen Vereinigung St.Gallen AVSG, engagiert sich aber schon seit über zehn Jahren im Verein, der ungefähr 60 Mitglieder zählt: «Wir sind ein relativ kleiner Kern, der aktiv ist, die meisten Mitglieder sieht man fast nie. An den öffentlichen Anlässen spüren wir aber, dass sich viele Leute für Astronomie interessieren – sie wollen vielleicht einfach nicht in einem Verein sein.»
Daniil Nozdriukhin ist neu im Verein, so neu, dass er heute erstmals in der Sanktgaller Sternwarte ist – und hier auch den Präsidenten persönlich kennenlernt. Der 27-jährige wohnt seit Kurzem mit seiner Partnerin im unteren Riethüsliquartier und doktoriert an der ETH im Bereich biomedizinische Bildgebung, vor allem mit Lichtwellen für verbesserte Untersuchungen und Diagnosen. «Ich arbeite da mit winzigen Einheiten und wir schauen tief in unsere Körper hinein – der Blick ins All und die unendliche Weite ist vielleicht eine Art Ausgleich», schmunzelt er. Oft versucht er, vom eigenen Balkon aus Beobachtungen und Fotos von Himmelskörpern zu machen.
Die Sternwarte: Ihre inneren Werte ermöglichen klare Ausblicke
Die Kuppel ist jetzt zum Mond hingedreht, die Luke steht offen. Das Teleskop ist auf den Mond ausgerichtet und behält diesen im Blick. Die Himmelsbeobachtung kann beginnen. Daniil hat seinen Laptop dabei; dieser kann ans Teleskop angeschlossen werden, sodass sich der Ausschnitt des Okulars auf dem Bildschirm zeigt: Der Mond in etwa 43-facher Vergrösserung, die Krater scheinen zum Greifen nahe – wow! Die Sternwarte im Unteren Brand ist ein kleines Gebäude mit viel Geschichte – die am gegenüberliegenden Hang beginnt. 1934 wird eine Sternwarte auf dem Rosenberg gebaut. 1960 muss diese dem Neubau der Universität, dem heutigen HSG-Hauptgebäude, weichen. Die Kuppel wird als wertvolle Konstruktion zwischengelagert, bevor sie 1962 beim heutigen Standort auf ein neues Sockelgebäude gesetzt wird – und dort bis heute funktioniert. Per Handkurbel lässt sich das Dach drehen und auch die Luke öffnen und schliessen. Das Teleskop steht auf einer robusten Säule, die durch den Boden des Beobachtungsraums hindurchführt und im Gebäudefundament verankert ist. So stören oder verunmöglichen keine Vibrationen von herumgehenden Leuten die Himmelsbeobachtungen. Die Sterne, das Universum und dessen Phänomene faszinieren Daniil Nozdriukhin und Ralph Goebel gleichermassen. Noch eben kannten sie sich nicht – nun richten sie den Blick gemeinsam in den Nachthimmel; tauschen sich aus über ihre Kameras und Programme, die sie nutzen, um Bildreihen aufzunehmen und dann zu bearbeiten. Die Astrofotografie ist ein eigenes Genre, das einiges an technischer Ausrüstung verlangt – und je nachdem deshalb auch recht kostspielig werden kann. Der Blick in den Himmel ist für beide ein schöner Ausgleich zum Berufsalltag. Ralph Goebel sagt: «Ich wollte früher einmal Forscher werden, habe sogar ein Jahr lang Physik studiert – aber das war nicht das Richtige für mich.» Heute ist er Informatiker und erstellt als Softwareentwickler und -architekt Anwendungen zur Beratung von Bankkunden.
Ein Gewitter verkürzt den Blick ins All
Nach dem Blick ins Teleskop wäre es spannend gewesen, von der Plattform vor der Sternwarte aus noch Fotos vom Nachthimmel zu machen. Denn Daniil und Ralph haben ihre Ausrüstungen mitgebracht. Neben Stativ, Teleskop, Montierung mit Nachführung und Kamera haben sie auch ein Gerät dabei, das alle Funktionen vereint – ein sogenanntes Smart-Teleskop. Dieses kleine Wunderwerk der Technik lässt durch automatische und kontinuierliche Überlagerung von Einzelaufnahmen lichtschwache Objekte wie von Zauberhand direkt auf dem Handy oder Tablet sichtbar werden. Wie gerne hätten wir alle ein solches Bild gewonnen. Jedoch ziehen Wolken auf. Und gerade als alles aufgebaut ist, blitzt es ein erstes Mal. Ein Sommergewitter kündigt sich an. Zeit, alles wieder einzupacken, die Luke in der Sternwarte zuzukurbeln, alle Läden zu schliessen, die Lichter zu löschen und die Tür zu verriegeln. Die Sternwarte schläft wieder. Sie hat uns einen Blick auf den Mond ermöglicht und zwei begeisterte Hobby-Astronomen zusammengebracht, die sich bestimmt bald wieder über den Mond, andere Galaxien und die technischen Herausforderungen der Astrofotografie austauschen.




